Richtig Führen – eine Herausforderung oder ein Kinderspiel?

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Über „Führung“ von Unternehmen wurde schon dermaßen viel geschrieben, dass jemand, der sich ernsthaft bemüht, einen Überblick zu bekommen, welcher „Führungsstil“ nun der richtige ist und welche Eigenschaften man sich zu eigen machen muss, um die „perfekte Führungskraft“ zu sein, am Ende wohl sehr verwirrt zurückbleibt.

Gibt man bei einem führenden online- Anbieter für Bücher den Suchbegriff „Führung“ ein, bekommt man 5.598 Titel.

Ganz egal, wie man sich selbst als Person sieht, was man fühlt, denkt und erreichen möchte, für alles gibt es offensichtlich die richtige Strategie. Man muss sie nur anwenden und schon ist man eine gute oder noch besser – „die perfekte Führungskraft“:

Hat man sich durch alle Informationen, Tipps und Anwendungsmöglichkeiten durchgearbeitet, dann kann man seine Laufbahn als erfolgreiche Führungskraft starten.

Wenn man Pech hat, hat man zum Schluss über alle Informationen - und dem Nachdenken darüber, wie man sie umsetzt - sich selbst als Individuum vergessen.

Die erste Frage für eine Unternehmerin – egal ob sie ein EPU oder KMU führt - sollte daher sein: Was will ICH erreichen? Wie möchte ICH mein Unternehmen führen? Welche Eigenschaften sind MIR wichtig? Machen Sie dafür ruhig die ganz banale Übung und schreiben Sie in Ruhe einmal auf, welche Vorstellungen Sie für sich und Ihr Unternehmen haben.

Ein EPU oder KMU ist eine komplexe Angelegenheit mit vielen Anforderungen an die Leiterin. Hier werden einerseits von einer Person Fähigkeiten gefordert, die in anderen Unternehmen auf mehrere Spezialisten verteilt werden können und andererseits erlaubt das Tagesgeschäft selten, dass man sich stundenlang in ein Büro zurückzieht um über Strategien, Taktiken und eben Führungseigenschaften nachdenken zu können.

Daher denkt man meistens erst dann über „richtige“ Führung nach, wenn es im Getriebe knirscht. Und dann oszilliert die Führung je nach momentaner Stimmungslage zwischen autoritärem Stil oder Laissez-faire.

Führung bedeutet nicht nur MitarbeiterInnen zu führen, sondern auch sich selbst! Als EPU z.B. ist man damit konfrontiert, dass man sich selbst führen muss, um erfolgreich zu sein. Und damit sich selbst immer wieder hinterfragen muss, ob das, was ich gerade mache, das Richtige für mich und mein Unternehmen ist.

Was muss ich als Einzelunternehmerin beachten, um erfolgreich zu sein?

Drei Dinge sind die Grundlage der eigenen Führung:

Die Idee

  • Ich benötige eine Geschäftsidee, die am Markt bestehen kann und die ich erfolgreich aufbauen und ausbauen kann

Der Plan

  • Ich benötige einen Plan, wie ich die Geschäftsidee umsetzen kann. Dazu gehören die Überlegungen:
    • Wo kann ich arbeiten (Raum)?
    • Womit kann ich arbeiten (Geld, Ressourcen)?
    • Wer kann mich unterstützen?

Die Disziplin

  • Der wichtigste Punkt der eigenen Führung:
    • Bin ich bereit, mich voll und ganz meinem Geschäft zu widmen?
    • Bin ich stark genug, Tiefschläge als Herausforderung und nicht als Niederlage zu begreifen?
    • Bin ich bereit, eine Zeitlang auf mir sonst wichtige Dinge zu verzichten, um das Unternehmen nicht zu gefährden?
    • Bin ich bereit, Erfolge zu genießen?

Erfolgreiche Führung der eigenen Person in einem EPU heißt, dass ich diese drei Punkte immer wieder für mich überprüfe. Dass ich bereit bin, mich selbst zu hinterfragen und ehrlich gegenüber mir selbst bin. Nachdem das nicht leicht ist, gilt auch die eigene Führung als die schwierigere Führungseigenschaft! Wer aber hier diszipliniert und kreativ (kein Widerspruch sondern Grundlage guter Führung seiner selbst) sich selbst ab und zu zur Diskussion stellt, wird Erfolg haben.

Was muss ich als Leiterin eines KMU beachten, um erfolgreich zu sein?

Es gibt zwei Führungsinstrumente, die sich wirklich bewährt haben und in jedem Unternehmen erfolgreich eingesetzt werden können: Die Rahmenbedingungen und das Mitarbeitergespräch.

Die Rahmenbedingungen:

  • Jedes Unternehmen hat einen Rahmen, in dem sich alle bewegen müssen. Dieser Rahmen besagt, dass ist dieses spezielle Unternehmen mit seinen Regeln. Die Regeln müssen von allen MitarbeiterInnen und der Leiterin eingehalten werden, ansonsten kann das Unternehmen nicht erfolgreich sein.
  • Rahmenbedingungen werden schriftlich festgehalten. Sie müssen kein Handbuch schreiben, eine Liste mit den wichtigsten Punkten (von z.B. A= wie Arbeitsbeginn bis Z = wie Zeitausgleich) genügt.
  • An die Rahmenbedingungen müssen sich alle halten, sonst kann das Unternehmen nicht funktionieren.
  • Nichteinhaltung hat Konsequenzen.
  • Das Festsetzen der Rahmenbedingungen kann zusammen mit den MitarbeiterInnen erfolgen.

Das Mitarbeitergespräch:

Dabei handelt es sich nicht um die regelmäßigen Teamsitzungen. Dort stehen die Fakten im Vordergrund: was ist zu tun, wer macht was, welche Pläne setzen wir um, wie koordinieren wir unsere Kommunikation usw.

Es ist auch nicht das Gespräch gemeint, das sich während des Tages immer wieder einmal zwischen LeiterIn und MitarbeiterIn ergibt.

Das Mitarbeitergespräch ist ein  Hauptbestandteil guter Führung und findet mindestens einmal pro Jahr zwischen Leiterin und MitarbeiterIn statt.

Was ist wichtig:

  • Zeitraum: Planen Sie mindestens einen halben Tag für dieses Gespräch ein.
  • Ort: Führen Sie das Gespräch an einem neutralen Ort. Nicht in Ihrem Büro sondern z.B. in einem ruhigen Café.
  • Vorbereitung: Geben Sie dem/der MitarbeiterIn 14 Tage vorher Bescheid, dass das Mitarbeitergespräch stattfindet. Bereiten Sie sich beide auf das Gespräch vor.
  • Beispiele Ihrer Vorbereitung:
    • Wie sahen Sie die Arbeit im abgelaufenen Jahr?
    • Wie sahen Sie den/die MitarbeiterIn?
    • Welche Ziele haben Sie für den/die MitarbeiterIn?
    • Welche Ziele hat der/die Mitarbeiterin?

 

Beim Mitarbeitergespräch beginnen Sie zwar mit den einleitenden Worten, der erste und auch größere Teil der gemeinsamen Zeit gehört aber dem/der MitarbeiterIn.

Hier ist Platz und Ruhe über die Arbeit an sich, den Arbeitsplatz, das Verhältnis zu den KollegInnen und die eigenen Ziele zu sprechen.

Fragen Sie ruhig nach, wie Sie als Vorgesetze/r gesehen werden. Das Mitarbeitergespräch bietet die Gelegenheit, dem/der MitarbeiterIn Feedback zu geben, aber auch sich selbst ein Feedback zu holen.

Schreiben Sie mit. Das Protokoll des Mitarbeitergespräches ist Grundlage für das nächste Mitarbeitergespräch. Dort werden u.a. die gemeinsam gesetzten Vorstellungen und Ziele überprüft.

Aus den Mitarbeitergesprächen heraus entwickelt sich sukzessive Ihr individueller Führungsstil.

Denn dadurch, dass Sie sich Zeit und Ruhe genommen haben, mit den MitarbeiterInnen jeweils persönlich zu sprechen, wissen Sie, was Ihr Unternehmen und Ihre MitarbeiterInnen benötigen und wie Sie am besten führen können:

  • Wo müssen Sie mehr dirigieren, also etwas autoritärer handeln,
  • Wo mehr trainieren, d.h. die MitarbeiterInnen in ihren Fähigkeiten unterstützen
  • Wo mehr sekundieren und damit mehr im Hintergrund bleiben, weil ihr/e MitarbeiterIn schon sehr kompetent und selbstständig ist, und
  • Wo mehr delegieren, da einige Aufgaben vom Team alleine bewältigt werden können.

Wenn Sie das Gefühl haben, dass dieser Weg zu kompetenter Führung für Sie nicht machbar ist, da er doch sehr zeitintensiv klingt, bedenken Sie eines:

Ihre MitarbeiterInnen sind die beste aber auch teuerste Ressource, die Sie haben. Alles was Sie hier investieren, kommt direkt dem Unternehmen zugute.

Dazu eine einfache Rechnung: Das Arbeitsjahr besteht aus durchschnittlich 200 Arbeitstagen. Angenommen, Sie haben ein Unternehmen mit  3 Angestellten und investieren pro MitarbeiterIn einen halben Tag für das Mitarbeitergespräch, sind das gerade einmal 1,5 Arbeitstage von 200.

Diese überlegte Investition in Zeit macht aus Ihnen eine kompetente und sichere Führungskraft. Ohne Tipps und Tricks sondern nur durch die Besinnung auf das Wesentliche: das Gespräch zwischen zwei individuellen Menschen, die zusammen etwas erreichen wollen.

 

Dr. Christiane Bernhard

Kommunikationstrainerin und Coach

erschienen auf "www.businessmamas.at", Dezember 2009