Mythos Führung

Über „Führung“ von Unternehmen wurde schon dermaßen viel geschrieben, dass jemand, der sich ernsthaft bemüht einen Überblick zu bekommen, welcher „Führungsstil“ nun der richtige ist und welche Eigenschaften man sich zu eigen machen muss, um die „perfekte Führungskraft“ zu sein, am Ende wohl sehr verwirrt zurückbleibt.

 

Gibt man bei einem führenden online- Anbieter für Bücher den Suchbegriff „Führung“ ein, bekommt man 5.598 Titel.

Ganz egal, wie man sich selbst als Person sieht, was man fühlt, denkt und erreichen möchte, für alles gibt es offensichtlich die richtige Strategie. Man muss sie nur anwenden und schon ist man eine gute oder noch besser – „die perfekte Führungskraft“:

  • Führungsmodelle
  • Führungsmethoden
  • Führungsinstrumente
  • Führungsspiele
  • Navigationssysteme der Führung
  • Emotionale Führung
  • Ein Minuten Führung
  • Usw.

Hat man sich durch alle Informationen, Tipps und Anwendungsmöglichkeiten durchgearbeitet, dann kann man seine Laufbahn als erfolgreiche Führungskraft starten.

Wenn man Pech hat, hat man zum Schluss über alle Informationen -und dem Nachdenken darüber wie man sie umsetzt - sich selbst als Individuum vergessen.

Die erste Frage für eine/n ApothekenleiterIn sollte daher sein: Was will ICH erreichen? Wie möchte ICH mein Unternehmen führen? Welche Eigenschaften sind MIR wichtig? Machen Sie dafür ruhig die ganz banale Übung und schreiben Sie in Ruhe einmal auf, welche Vorstellungen Sie für sich und Ihre Apotheke haben.

Eine Apotheke ist ein komplexes Unternehmen mit vielen Anforderungen an die Leiterin oder den Leiter. Hier werden einerseits von einer Person Fähigkeiten gefordert, die in anderen Unternehmen auf mehrere Spezialisten verteilt werden können und andererseits erlaubt das Tagesgeschäft selten, dass man sich stundenlang in ein Büro zurückzieht um über Strategien, Taktiken und eben Führungseigenschaften nachdenken kann.

Daher denkt man meistens erst dann über „richtige“ Führung nach, wenn es im Getriebe knirscht. Und dann oszilliert die Führung je nach momentaner Stimmungslage zwischen autoritärem Stil oder Laissez-faire.

Aber: beide Führungsstile, der autoritäre wie der Laissez-faire Stil sind immer noch besser als gar keine Führung!

Es gibt ein Führungsinstrument, dass sich wirklich bewährt hat und in jedem Unternehmen erfolgreich eingesetzt werden kann: Das Mitarbeitergespräch.

Dabei handelt es sich nicht um die regelmäßigen Teamsitzungen. Dort stehen die Fakten im Vordergrund: was ist zu tun, wer macht was, welche Pläne setzen wir um, wie koordinieren wir unsere Kommunikation usw.

Es ist auch nicht das Gespräch gemeint, das sich während des Tages immer wieder einmal zwischen LeiterIn und MitarbeiterIn ergibt.

Das Mitarbeitergespräch ist ein  Hauptbestandteil guter Führung und findet mindestens einmal pro Jahr zwischen LeiterIn und MitarbeiterIn statt.

Was ist wichtig:

  • Zeitraum: Planen Sie mindestens einen halben Tag für dieses Gespräch ein.
  • Ort: Führen Sie das Gespräch an einem neutralen Ort. Nicht in Ihrem Büro sondern z.B. in einem ruhigen Café.
  • Vorbereitung: Geben Sie dem/der MitarbeiterIn 14 Tage vorher Bescheid, dass das Mitarbeitergespräch stattfindet. Bereiten Sie sich beide auf das Gespräch vor.
  • Beispiele Ihrer Vorbereitung:
    • Wie sahen Sie die Arbeit im abgelaufenen Jahr.
    • Wie sahen Sie den/die MitarbeiterIn.
    • Welche Ziele haben Sie für den/die MitarbeiterIn
    • Welche Ziele hat der/die Mitarbeiterin.

Beim Mitarbeitergespräch beginnen Sie zwar mit den einleitenden Worten, der erste und auch größere Teil der gemeinsamen Zeit gehört aber dem/der MitarbeiterIn.

Hier ist Platz und Ruhe über die Arbeit an sich, den Arbeitsplatz, das Verhältnis zu den KollegInnen und die eigenen Ziele zu sprechen.

Fragen Sie ruhig nach, wie Sie als Vorgesetze/r gesehen werden. Das Mitarbeitergespräch bietet die Gelegenheit, dem/der MitarbeiterIn Feedback zu geben aber auch sich selbst ein Feedback zu holen.

Schreiben Sie mit. Das Protokoll des Mitarbeitergespräches ist Grundlage für das nächste Mitarbeitergespräch. Dort werden u.a. die gemeinsam gesetzten Vorstellungen und Ziele überprüft.

Aus den Mitarbeitergesprächen heraus entwickelt sich sukzessive Ihr individueller Führungsstil.

Denn dadurch, dass Sie sich Zeit und Ruhe genommen haben, mit den MitarbeiterInnen jeweils persönlich zu sprechen, wissen Sie, was Ihr Unternehmen und Ihre MitarbeiterInnen benötigen und wie Sie am besten führen können:

  • wo müssen Sie mehr dirigieren, also etwas autoritärer handeln,
  • wo mehr trainieren, d.h. die MitarbeiterInnen in ihren Fähigkeiten unterstützen
  • wo mehr sekundieren und damit mehr im Hintergrund bleiben, weil ihr/e MitarbeiterIn schon sehr kompetent und selbstständig ist, und
  • wo mehr delegieren, da einige Aufgaben vom Team alleine bewältigt werden können.

Wenn Sie das Gefühl haben, dass dieser Weg zu kompetenter Führung für Sie nicht machbar ist, da er doch sehr zeitintensiv klingt, bedenken Sie eines:

Ihre MitarbeiterInnen sind die beste aber auch teuerste Ressource, die Sie haben. Alles was Sie hier investieren, kommt direkt dem Unternehmen zugute.

Dazu eine einfache Rechnung: Das Arbeitsjahr besteht aus durchschnittlich 200 Arbeitstagen. Angenommen, Sie haben eine Apotheke mit  15 Angestellten und investieren pro MitarbeiterIn einen halben Tag für das Mitarbeitergespräch, sind das gerade einmal 7,5 Arbeitstage von 200.

Diese überlegte Investition in Zeit macht aus Ihnen eine kompetente und sichere Führungskraft. Ohne Tipps und Tricks sondern nur durch die Besinnung auf das Wesentliche: das Gespräch zwischen zwei individuellen Menschen, die zusammen etwas erreichen wollen.

 

Dr. Christiane Bernhard

Kommunikationstrainerin und Coach

erschienen in "Der neue Apotheker", Mai 2009